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Fortsetzung: Familie im Wandel

Wir stehen somit vor zwei Fragen: Was können wir aus dem Auseinander brechen von Form und Inhalt schließen? Was zeichnet den Qualitätssprung im System Familie aus?

Tradition und Moderne: unser Rollenverständnis

Immer dann, wenn Traditionen ins Wanken geraten, wenn Gesellschaften und damit Einzelne sich in einer Übergangszeit befinden, wird der drohende Zerfall von Institutionen und/ oder Werten thematisiert. Die Tradition im Hinblick auf die Institution Familie zeichnet sich über viele Jahrhunderte aus durch ihre Definition als primäre Zweck- oder Wirtschaftsgemeinschaft, die nach einer durchschnittlichen Dauer von 20 Jahren aufgrund des Todes eines Partners endete und gekennzeichnet war von einer klaren und kaum hinterfragbaren Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Soweit die traditionelle Form. Heute fällt die wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung einer lebenslangen Ehe in vielen Fällen weg. Es entfällt das Diktum, die Familie um jeden Preis in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten. Der soziale Wandel eröffnete den Raum für die Neubestimmung der Geschlechterbeziehungen und damit einhergehend die Neukonstruktion von Lebensverläufen. Sie erfordern nun von beiden Partnern im Umgang miteinander Fähigkeiten, die die traditionelle Form der Ehe und Familie den Menschen nicht abverlangte.

Neue Freiheit: Von der Notwendigkeit zur bewussten Wahl

Das Auseinanderbrechen von familiären Systemen hat es ermöglicht, dass Form und Inhalt unabhängig voneinander betrachtet werden können. Wir erkennen damit zunehmend deutlicher, welche Inhalte im Entwicklungsfeld Familie von Relevanz sind. Wir erleben u.U. hautnah, welche Fähigkeiten und welches Bewusstsein förderlich sind – und welche unsere Bemühungen um ein positives familiäres Zusammenleben zum Scheitern bringen.
Die Menschheit scheint damit in ein Stadium ihrer Entwicklung zu treten, in dem es möglich wird, auf breiter Basis (wirtschaftlichen und/ oder sozialen) Zwang durch Entscheidung, Notwendigkeit durch bewusstes Wählen zu ersetzen. Wenn keine zwingende Notwendigkeit zum Erhalt eines Familiensystems mehr besteht, kann über den Weg der bewussten Reflektion und der freien Entscheidung eine Transformation im Bewusstsein der Menschen einsetzen. Potentiale, die das Zusammenleben in einem familiären System birgt, können erschlossen werden.

Neue Erfordernisse: Fähigkeiten

Sich in ein traditionell vorgezeichnetes Leben einzufügen, erschließt in Menschen andere Fähigkeiten, als in die Lage versetzt zu sein, aktiv und kreativ an einer neuen Beziehungsqualität im Rahmen der Familie mitzugestalten, die wiederum das System Familie auf eine neue Qualitätsstufe hebt. Welche Fähigkeiten werden nun benötigt, um dieser Herausforderung zu begegnen? Welches Bewusstsein sind wir aufgerufen zu entwickeln?

Die Beziehung der Eltern zueinander wirkt sich direkt aus auf die Qualität der Beziehungen im gesamten familiären System und die Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder. Dabei sind die Kommunikations- und Konfliktlösungsfähigkeiten der Partner von zentraler Bedeutung.

Während der frühen Entwicklung ist es darüber hinaus vor allem das emotionale Klima in der Familie, das zunächst für den weiteren Entwicklungsweg eines Kindes maßgebliche Weichenstellungen vornimmt. Die Art und Weise, wie die Mitglieder einer Familie, in die das Kind hineingeboren wird, miteinander umgehen, wie sie sich über das Alltagsgeschehen, aber auch über innere Gemütszustände oder eigene Wünsche und Hoffnungen austauschen können, bildet den Rahmen, in dem auch die Beziehungen mit dem Kind gestaltet werden.3 Anders als für die Entwicklung der Intelligenz, der Sprache oder der motorischen Fähigkeiten, bei denen früh auftretende Schädigungen später ausgeglichen werden können, besteht diese Möglichkeit für affektive und soziale Kompetenz nur in einem reduzierten Maße.4

Somit bildet die Elternbeziehung das Modell für die soziale Interaktion, an dem sich ein Kind im späteren Leben weitgehend orientieren wird und liefert die Vorlage dafür, wie flexibel oder rigide Beziehungen außerhalb der Familie gestaltet werden können.
Die drei Kompetenzfelder Kommunikationsfähigkeit, Konfliktlösungskompetenz und sozialemotionale Fähigkeiten können jedoch nicht im luftleeren Raum evaluiert werden, da ihre Wirksamkeit mit der Authentizität ihres Einsatzes in engem Zusammenhang steht. Die Stärke der Authentizität entstammt dem Bewusstsein eines Menschen. Mit anderen Worten: Das neue „Bühnenbild“, das den Hintergrund für einen Qualitätssprung im System Familie bildet, ist ein neues Bewusstsein der Beteiligten: das Bewusstsein der Gleichwertigkeit der Geschlechter und das Wissen um die geistige Dimension des Menschen.

3 Boyum & Parke, 1995
4 Weinfield, Sroufe & Egeland, 2000

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